Ratgeber · Kennzahlen
Die 15 Kennzahlen, die jede Geschäftsführung im Mittelstand kennen sollte
Welche Zahlen du als Geschäftsführer ohne eigene Controlling-Abteilung wirklich im Blick haben solltest. Mit Formel, Erklärung und dem Punkt, an dem man in der Praxis genauer hinsieht.
Wer im Mittelstand ein Unternehmen führt, hat selten eine eigene Controlling-Abteilung. Die Kennzahlen für die Geschäftsführung kommen dann aus der BWA, aus dem Onlinebanking und aus dem Bauchgefühl. Das reicht eine Weile. Ab etwa 1 Mio. € Umsatz oder 10 Mitarbeitenden wird es eng, weil zu viele Entscheidungen gleichzeitig an Zahlen hängen.
Die folgenden 15 KPIs für den Mittelstand decken das ab, was eine Geschäftsführung wirklich braucht. Sie sind nach fünf Bereichen gruppiert. Zu jeder Kennzahl findest du die Formel oder eine kurze Erklärung und den Punkt, an dem man in der Praxis genauer hinsehen sollte.
Warum genau diese 15
Es gibt Listen mit 80 Kennzahlen. Niemand schaut sich 80 Kennzahlen an. Die Auswahl hier folgt einer einfachen Frage: Welche Zahl würde dich dazu bringen, diese Woche etwas anders zu machen? Kennzahlen, die nur schön aussehen, aber nie eine Entscheidung auslösen, fehlen bewusst.
Nicht jede Kennzahl passt zu jedem Geschäftsmodell. Ein Handwerksbetrieb braucht die Auslastung, ein Onlinehändler eher die Wiederkaufrate. Nimm die Liste als Ausgangspunkt und streiche, was bei dir keine Rolle spielt. Was übrig bleibt, gehört auf eine Seite. Wie man daraus eine sinnvolle Übersicht baut, steht im Ratgeber KPI-Dashboard aufbauen.
Ergebnis: Verdienst du an dem, was du verkaufst?
1. Umsatz im Vergleich zu Plan und Vorjahr
Der Umsatz allein sagt wenig. Erst der Vergleich macht ihn lesbar: Liegst du über dem Vorjahresmonat, unter dem Plan, im Rahmen der üblichen Saison? Schau dir neben dem Monatswert immer den aufgelaufenen Wert seit Jahresbeginn an. Ein schwacher Oktober nach einem starken September ist oft nur eine verschobene Rechnung.
2. Rohertragsquote
Rohertragsquote
(Umsatz − Material- und Wareneinsatz) ÷ Umsatz × 100
Die Rohertragsquote zeigt, wie viel von jedem Euro Umsatz nach den direkten Einkaufskosten übrig bleibt. Im Handel sind 25–40 % üblich, bei Dienstleistern deutlich mehr. Achte auf die Entwicklung: Sinkt die Quote über drei Monate, steigen meist Einkaufspreise schneller als deine Verkaufspreise. Vorsicht bei Monatswerten aus der BWA, wenn Lagerbestände nicht monatlich abgegrenzt werden. Dann springt die Quote, ohne dass sich wirklich etwas geändert hat.
3. Betriebsergebnis und EBIT-Marge
EBIT-Marge
Ergebnis vor Zinsen und Steuern ÷ Umsatz × 100
Das Betriebsergebnis ist das, was das operative Geschäft erwirtschaftet, bevor Finanzierung und Steuern ins Spiel kommen. Eine Marge von 5 % heißt: Von 1.000.000 € Umsatz bleiben 50.000 €. Achte bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften darauf, dass kein Gehalt für die Inhaber in den Kosten steckt. Ziehe gedanklich einen angemessenen Unternehmerlohn ab, sonst wirkt das Ergebnis besser, als es ist.
Liquidität: Reicht das Geld bis zum nächsten Engpass?
4. Liquiditätsreichweite
Liquiditätsreichweite in Wochen
Verfügbare Mittel ÷ durchschnittliche Auszahlungen pro Woche
Verfügbare Mittel sind Kontostände plus freie Kreditlinie. Die Reichweite sagt, wie viele Wochen du ohne neue Einzahlungen auskämst. Unter vier Wochen wird es unruhig. Noch aussagekräftiger ist eine echte Vorschau, die bekannte Zahlungstermine einrechnet. Wie das geht, erklärt der Ratgeber zur 13-Wochen-Liquiditätsplanung.
5. Forderungslaufzeit (DSO)
Forderungslaufzeit in Tagen
Forderungen aus Lieferungen und Leistungen ÷ Bruttoumsatz der letzten 12 Monate × 365
Die Kennzahl zeigt, wie lange deine Kunden im Schnitt bis zur Zahlung brauchen. Nimm den Bruttoumsatz, weil die offenen Rechnungen die Umsatzsteuer enthalten. Wenn deine Zahlungsziele 30 Tage betragen und die Laufzeit bei 52 Tagen liegt, finanzierst du deine Kunden mit. Bei 1,2 Mio. € Bruttoumsatz im Jahr sind 22 Tage Verzug rund 72.000 € gebundenes Geld.
6. Überfällige Forderungen
Die Summe aller Rechnungen, deren Fälligkeit überschritten ist, gruppiert nach 1–30, 31–60 und mehr als 60 Tagen. Diese Zahl ist konkreter als die Laufzeit, weil sie direkt zu einer Liste von Kunden führt, die man anrufen kann. Achte auf einzelne große Posten. Eine überfällige Rechnung über 40.000 € ist ein anderes Risiko als 40 kleine.
Vertrieb: Was kommt in den nächsten Monaten herein?
7. Auftragseingang und Auftragsbestand
Der Umsatz von heute ist der Auftragseingang von vor ein paar Wochen oder Monaten. Wer nur auf den Umsatz schaut, merkt einen Einbruch zu spät. Der Auftragsbestand, also beauftragte, aber noch nicht abgerechnete Leistung, sagt dir, wie viele Wochen Arbeit bereits gesichert sind. In Produktion und Bau ist das oft die wichtigste Zahl überhaupt.
8. Gewichtete Pipeline
Gewichtete Pipeline
Summe aller offenen Angebote × jeweilige Abschlusswahrscheinlichkeit
Ein Angebot über 100.000 € mit 30 % Wahrscheinlichkeit zählt mit 30.000 €. Die Kennzahl ist nur so gut wie die Pflege im CRM. Achte darauf, dass alte Angebote, die seit Monaten niemand mehr anfasst, regelmäßig geschlossen werden. Sonst wächst die Pipeline auf dem Papier, während der Vertrieb stagniert.
9. Abschlussquote
Abschlussquote
Gewonnene Angebote ÷ (gewonnene + verlorene Angebote) × 100
Zähle nur entschiedene Angebote, sonst verwässern offene Fälle die Quote. Rechne sie nach Anzahl und nach Wert. Wenn die Quote nach Anzahl bei 40 % liegt, nach Wert aber bei 15 %, gewinnst du die kleinen Aufträge und verlierst die großen. Das ist ein Hinweis auf Preis oder Angebotsqualität bei größeren Projekten.
Kunden: Von wem hängst du ab, und wer bringt Geld?
10. Kundenkonzentration
Kundenkonzentration
Umsatz der 5 größten Kunden ÷ Gesamtumsatz × 100
Liegt der Wert über 50 %, hängt das halbe Unternehmen an fünf Unterschriften. Das muss nicht schlecht sein, gehört aber in jede Planung. Achte besonders auf den größten Einzelkunden. Macht er mehr als 20 % aus, lohnt sich eine Rechnung, was ein Wegfall für Personal und Liquidität bedeuten würde.
11. Deckungsbeitrag pro Kunde
Umsatz minus alle Kosten, die ein Kunde direkt verursacht: Wareneinsatz, Rabatte, Fracht, Sonderaufwand in der Betreuung. Der größte Kunde ist oft nicht der profitabelste. Eine ausführliche Anleitung mit Rechenbeispiel steht im Ratgeber Deckungsbeitrag berechnen.
12. Wiederkaufrate oder Kundenbindung
Im Onlinehandel: Anteil der Kunden, die innerhalb von 12 Monaten ein zweites Mal kaufen. Bei Dienstleistern und im B2B: Anteil der Vorjahreskunden, die auch in diesem Jahr Umsatz bringen. Neue Kunden zu gewinnen kostet fast immer mehr, als bestehende zu halten. Sinkt die Bindung, wird jedes Wachstum teurer.
Team: Passt die Mannschaft zum Geschäft?
13. Personalkostenquote
Personalkostenquote
Personalkosten ÷ Umsatz × 100
In vielen Dienstleistungsbetrieben liegt sie über 50 %, im Handel deutlich darunter. Wichtiger als der Branchenvergleich ist die eigene Entwicklung. Wenn du einstellst, steigt die Quote zuerst. Sie sollte aber nach einigen Monaten wieder sinken, weil die neuen Leute Umsatz bringen. Bleibt sie oben, ist das ein Signal.
14. Rohertrag pro Vollzeitkraft
Rohertrag pro Vollzeitkraft
Rohertrag der letzten 12 Monate ÷ Zahl der Vollzeitäquivalente
Der Umsatz pro Kopf ist gängiger, verzerrt aber, wenn viel Ware durchläuft. Der Rohertrag zeigt besser, was das Team tatsächlich erwirtschaftet. Rechne Teilzeitkräfte anteilig um: zwei halbe Stellen sind ein Vollzeitäquivalent. Vergleiche den Wert mit den durchschnittlichen Personalkosten pro Kopf. Der Abstand ist das, was für alle anderen Kosten und den Gewinn bleibt.
15. Auslastung
Auslastung
Abrechenbare Stunden ÷ verfügbare Stunden × 100
Für Agenturen, Beratungen und das Handwerk ist das die zentrale Zahl. Verfügbare Stunden sind die Arbeitszeit abzüglich Urlaub und Krankheit. 75–85 % gelten in vielen Dienstleistungsbetrieben als gesund, dauerhaft über 90 % geht auf Kosten von Qualität und Gesundheit. In der Produktion tritt an diese Stelle die Maschinenauslastung, im Handel eher die Krankenquote oder die Fluktuation.
Wie oft du welche Kennzahl ansehen solltest
Nicht jede Zahl muss täglich auf den Tisch. Wer die Personalkostenquote jeden Morgen prüft, sieht vor allem Rauschen. Die Liquidität dagegen kann sich innerhalb einer Woche deutlich verschieben. Ein sinnvoller Rhythmus sieht etwa so aus:
| Rhythmus | Kennzahlen |
|---|---|
| Wöchentlich | Liquiditätsreichweite, überfällige Forderungen, Auftragseingang, gewichtete Pipeline, Auslastung |
| Monatlich | Umsatz zu Plan und Vorjahr, Rohertragsquote, Betriebsergebnis, Forderungslaufzeit, Abschlussquote, Personalkostenquote |
| Quartalsweise | Kundenkonzentration, Deckungsbeitrag pro Kunde, Wiederkaufrate, Rohertrag pro Vollzeitkraft |
Wichtig ist, dass jede Kennzahl eine feste Definition hat und immer gleich berechnet wird. Ändert sich die Berechnung zwischendurch, vergleichst du Äpfel mit Birnen. Schreib die Formel einmal auf und bleib dabei. Und gib jeder Zahl einen Vergleichswert, sei es Vorjahr, Plan oder eine Untergrenze. Eine Zahl ohne Vergleich ist nur eine Zahl.
So kommen die Kennzahlen bei dir auf eine Seite
Die meisten der 15 Kennzahlen stecken bereits in deinen Systemen: in DATEV, Lexoffice oder SevDesk, in HubSpot oder Pipedrive, im Shop. Das Problem ist selten, dass die Daten fehlen. Es ist der Aufwand, sie jede Woche zusammenzutragen.
dashboard.de baut Geschäftsführungen im Mittelstand ein individuelles Management-Dashboard, das diese Systeme anbindet und die Zahlen jeden Tag automatisch aktualisiert. Welche Kennzahlen hineinkommen und wie sie definiert werden, klären wir gemeinsam in einem KPI-Workshop. Bis das Dashboard live ist, vergehen in der Regel 3–6 Wochen, dein eigener Aufwand liegt bei etwa 60 Minuten. Am Anfang steht eine kostenlose Dashboard-Analyse, in der wir prüfen, welche deiner Systeme sich anbinden lassen.
Häufige Fragen
Fragen zu Kennzahlen für die Geschäftsführung
Deine Frage ist nicht dabei? Schreib uns. In der kostenlosen Dashboard-Analyse klären wir sie gemeinsam.
Frage stellenWie viele Kennzahlen sollte eine Geschäftsführung regelmäßig ansehen?
Für die tägliche und wöchentliche Steuerung reichen meist 8–15 Kennzahlen. Mehr Zahlen bedeuten selten mehr Klarheit, sondern mehr Zeit für das Suchen.
Reicht die BWA als Grundlage für diese Kennzahlen?
Für Ergebnis und Kosten ist die BWA eine gute Basis. Liquiditätsvorschau, Pipeline, Auftragseingang und Kundenzahlen stehen dort aber nicht drin, die kommen aus Bank, CRM oder Shop.
Woher bekomme ich Vergleichswerte aus meiner Branche?
Branchenwerte veröffentlichen etwa Verbände, Kammern oder Banken. Sie helfen bei der Einordnung, ersetzen aber nicht den Vergleich mit deinen eigenen Vorjahres- und Planwerten.
Was ist der Unterschied zwischen Kennzahl und KPI?
KPI steht für Key Performance Indicator, also Schlüsselkennzahl. Jede KPI ist eine Kennzahl, aber nur die wenigen Kennzahlen, an denen du dein Unternehmen tatsächlich steuerst, verdienen diesen Namen.
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